Hirsche, Hirsche und noch mehr Hirsche
Was eine Abschlussjagd!
Trockenes kaltes Winterwetter, gefrorener Boden mit minimaler Schneeauflage, 4 Treiber, 4 Hundeführer, 4 Stöberhunde (3 Bracken, ein Terrier) und eine Nachsuchegspann in 2 Trieben. Das waren die Rahmenbedingungen für die erste große Bewegungsjagd in Lutzelhouse im Jahr 2023.
Ally hatte sich mitten in der Läufigkeit für den Rest der Saison „abgemeldet“, so dass nur Ayla und Berta teilnehmen konnten.
Mit etwas Verzögerung durch einen SAMU-Einsatz auf Grund einer akuten Gesundheitsstörung eines Teilnehmers konnte der erste Trieb entlang des Ortsrandes beginnen. Schon auf den ersten Metern waren die Spuren der brechenden Sauen unverkennbar. Neben älteren waren auch frische Trittsiegel zu erkennen. Alle Treiber und Hundeführer erwarteten eine größere Anzahl Sauen im Trieb. Zumindest bis zum Ende des ersten Triebs blieb diese Überzeugung bestehen. Alle 4 Hunde arbeiteten systematisch und die Fläche gut abdeckend das dichte und dornenreiche Gehölz rund um den Ortskern ab. Leider ließ sich keine Sau bestätigen. Stattdessen lag das Rehwild sehr locker und zahlreiche Rehe wurden von den Stöbernasen hochgemacht. Die Hunde folgten nur kurz und kehrten rasch in den Trieb zurück.
Steffen hatte bei einer der vorherigen Jagden schon einen starken Trophäenträger am Ortsrand gesichtet, so dass wir natürlich auf Anblick beim Rotwild gehofft hatten. Es kam besser als wir es zu wagen gehofft hatten. Ebendort, wo Steffen den Anblick hatte, stöberte Ayla in den Weißdornhecken. Ein aufgeregter bissiger Standlaut erklang! Schnell eilte ich in die Richtung des Hundes. 15m vor mir stand ein starker Hirsch auf und flüchtete bergan. Ich rüdete die Hündin an, zu folgen. Doch die Dame hatte andere Pläne! Der nächste Standlaut erklang und ein weiterer starker Geweihter stand auf. Mittlerweile waren auch die anderen Hunde auf dem Weg, um beizuspringen. 2 weitere Geweihte darunter ein alter Hirsch standen auf und folgten den beiden ersten Stücken. Was ein Anblick! Gefolgt von den 3 anderen Hunden nahm die Nachwuchshündin die Verfolgung Richtung Schützenkette auf. 2 Schüsse peitschten über den Hang.
Leider lag der Hirsch nicht. Eine erste Nachsuche in der Mittagspause zeigte nur wenige Tropfen Schweiß und wurde für den 2. Trieb unterbrocken als erkennbar war, dass der Hirsch in Richtung des 2 Treibens geflüchtet war.
Gestärkt wurden die Schützen für das 2. Treiben aufgestellt. Die Treiber arbeiteten sich erneut durch das Gehölz. Nachdem der erste Hang „abgearbeitet“ war, folgte Ayla einem Reh auf der anderen Seite der Bergkuppe. Auf dem Rückweg bog sie in Richtung des abgearbeiteten Hangs ab, um sich dort an einer Stelle festzusetzen. Über 300m und auf der anderen Seite des Hanges waren natürlich keine Laute zu vernehmen. Ich klinkte mich konsequent aus dem weiterlaufenden Treiben aus und eilte über die Kuppe zur Hündin. Schon auf der Kuppe war ein aggressiver andauernder Standlaut zu vernehmen. Ich ahnte es schon im Anmarsch. Ayla war auf die Wundfährte des Hirsches gestoßen und hatte diesen gestellt. Da ich wegen einem Ausbruch der Aujeszkyschen-Krankheit in der Region bisher fast nur mit Rotwildschalen gearbeitet hatte, hatte sie das Geübte nun brav in einer Freisuche umgesetzt und hatte die Wundfährte über 300m ausgearbeitet.
Da lag der starke 10er Hirsch nun bewegungslos flach am Waldboden. Schnell verständigte ich über Funk Steffen, der meine Position durch den Kontakttrack des GPS orten konnte. Die Hündin attackierte immer wieder, zog sich nach einem kurzen Zuschnappen sofort zurück. Das offene Auge des Hirschs war nicht gebrochen. Wie in der Jagdschule gelernt, prüfte ich mit dem Stock, ob noch Leben im Hirsch war. Erst auf einen stärkeren Schmerzreiz hob der alte Hirsch kraftlos wenige Zentimeter das Haupt.
Da das Wehr schon weit weg war, kein Schütze erreichbar war und ich das Leid des Tiers nicht unnötig verlängern wollte, erwog ich das Abfangen mit der blanken Waffe. Sofort rückzugsbereit zog ich den Träger mit dem Geweih zur Seite um den Stamm einer Birke herum und fixierte die untere Stange hinter dem Baum mit dem Fuß. Die freie Stange blieb auf der anderen Seite des Baums. Der Hirsch tolerierte das alles ohne Gegenwehr. Also wagte ich das Messer zu lösen und einen Kammerstich mit Schnitt in Richtung Brustbein auszuführen. Mit dem Stich stömte sofort Luft in die Kammer. Der Schmerzreiz mobilisierte enorme Kräfte und das Tier sprang auf. Geschützt durch das Bäumchen gelang die sichere Rückweiche. 50m bergab stürzte der Hirsch in eine Kuhle und blieb mit erhobenem Haupt mich und die Hündin fixierend liegen. Ein zweiter Versuch mit der blanken Waffe war aus Sicherheitsgründen nicht zu rechtfertigen, zumal der Hirsch nun optimal für einen Fangschuss in einer Kuhle lag und von bergseitig mit freiem Schussfeld aus 30m Distanz zu erlegen war. Ich rief die Hündin vom Stück ab und leinte diese an.
Warten kann einem unendlich vorkommen. Steffen bekam einen Schützen mobilisiert und lotste diesen wie geplant über das optimale Schussfeld zum Stück. Unter diesen optimalen Bedingungen gelang ein sicherer und schnell tötender Fangschuss.
Was ein Erlebnis für die junge Hündin! Auf dem Weg zurück zum Trieb konnten Ayla und Berta noch zwei Stück Kahlwild hochmachen, die 50m vor uns durch den Hochwald flüchteten. Im Weiteren gelang es der Wehr noch, einen Rotwild-Spießer zu mobilisieren und vor den Schützen zu bekommen. Dieser wurde im Anschluss an das Treiben nach ca. 200m Todsuche von Didier und seinem Hannoverschen Schweißhund gefunden.
Ho Rüdmann ho! Jagen ohne Hund ist schund! 😉
Allerdings muss man sagen, dass alle Hunde eine außergewöhnliche Leistung und einen bewundernswerten Gehorsam und eine gute Bindung zum Führer gezeigt haben. Weniger ist manchmal mehr!
Wie im Elsass üblich wurden wir durch ein Genießer-Schüsseltreiben auf der Hütte für die Mühen entschädigt.
